Śraddhā – die nährende Kraft des Herzens
„Der Mensch voller Śraddhā erlangt Wissen.“
Ein inspirierendes Wochenende liegt hinter uns. Gemeinsam mit Sheela und Ravi durften wir, bei fast schon indischen Temperaturen, in die Weisheit des Yoga eintauchen und uns mit einem Begriff beschäftigen, der zu den grundlegendsten Qualitäten auf dem Yogaweg gehört: Śraddhā.
Sheela und Ravi Shankar
Yogalehrende in der Tradition von Krishnamacharya
Auf den ersten Blick wird Śraddhā häufig mit „Glaube“ übersetzt. Doch im Yoga meint dieser Begriff etwas viel Tieferes. Es geht nicht um blinden Glauben oder das unkritische Übernehmen von Lehren. Śraddhā ist ein Vertrauen, das aus dem Herzen wächst, die Bereitschaft, sich dem Leben zu öffnen, den eigenen Weg anzunehmen und sich auch dann führen zu lassen, wenn noch nicht alles sichtbar oder erklärbar ist.
Im traditionellen Verständnis setzt sich das Wort sinnbildlich aus śrad – Herz, Wahrheit oder das Heilige – und dhā – tragen oder halten, zusammen. Śraddhā bedeutet somit: „Das Herz in die Wahrheit legen“.
In der Bhagavadgita sagt Krishna: „Der Mensch voller Śraddhā erlangt Wissen.“ Eine interessante Aussage, denn sie macht deutlich, dass Erkenntnis nicht allein durch Denken entsteht. Wahres Verstehen wächst dort, wo Herz und Geist gleichermaßen offen sind. Vertrauen ist nicht die Folge von Erkenntnis, sondern der Boden, auf dem Erkenntnis überhaupt wachsen kann.
Während unseres Workshops wurde immer wieder deutlich, dass Śraddhā keine Theorie ist. Sie zeigt sich im Leben selbst. Vielleicht kennen wir alle Momente, in denen wir erst im Rückblick erkennen, dass uns das Leben getragen hat, obwohl wir den nächsten Schritt noch nicht sehen konnten. Solche Erfahrungen lassen Vertrauen wachsen. Nicht plötzlich, sondern ganz allmählich.
Im Yoga gilt Śraddhā als eine nährende, empfangende Kraft, eine Qualität, die uns hilft, loszulassen, offen zu bleiben und dem Leben mit Zuversicht zu begegnen. Gerade in einer Zeit, in der wir vieles kontrollieren und absichern möchten, erinnert sie uns daran, dass Entwicklung nicht nur durch Anstrengung geschieht, sondern auch durch Hingabe und Vertrauen.
Die indische Weisheit beschreibt den Weg als einen natürlichen Entwicklungsprozess.
Śraddhā wird durch regelmäßige Praxis genährt: durch Meditation und Reflexion, die den Geist zur Ruhe bringen. Indem wir Dankbarkeit kultivieren und Zufriedenheit entwickeln, stärken wir unser Vertrauen und Schaffen die Grundlage für innere Gelassenheit.
Ein wunderschönes Bild begleitet mich seit diesem Wochenende: Ein Samen weiß nicht mit Sicherheit, ob der Frühling kommen wird. Und dennoch beginnt er, sich zu öffnen und seine Wurzeln tief in die Erde zu senden. Er vertraut einer Ordnung des Lebens, die größer ist als sein eigenes Wissen.
Vielleicht ist genau das die Essenz von Śraddhā: dem Leben mit offenem Herzen zu begegnen, ohne alles kontrollieren oder verstehen zu müssen. Mit Vertrauen den nächsten Schritt zu gehen. Immer wieder.
Ich wünsche euch, dass euch diese nährende Kraft des Herzens durch die kommenden Wochen begleitet, auf der Yogamatte, im Alltag und überall dort, wo das Leben euch einlädt, Vertrauen zu wagen.